Marjam – Bilder der Heilung

Krieg, Flucht und Verlust haben Marjams Leben geprägt. Durch Kreativität und Unterstützung konnte sie Schritt für Schritt wieder Vertrauen in sich selbst finden.

Sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater waren intellektuelle Menschen, mit höherem Bildungsgrad. Beide haben gearbeitet.

Die Kinder – Marjam und Ihr Bruder – haben mit großem Interesse die Schule besucht.

Marjam war 7 Jahre alt, als die Russen in Afghanistan verlassen haben. Zu dieser Zeit regierte der letzte Kanzler Najib.

1992 kamen die Mudschahedin, um die Regierung zu stürzen und gegen die Russen zu kämpfen. Es kam zu einem Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Gruppierungen der Mudschahedin.

Eines Tages beim Essen kamen Geschosse aus Raketen und Granaten und einige Menschen wurden verletzt. Danach konnten wir uns nur noch im Keller aufhalten. Zu den Toiletten sind wir mit Angst hochgelaufen. Im Radio wurde gesagt, dass alle Bewohner bestimmter Stadtteile ihre Häuser verlassen müssen und in andere Stadtteile ziehen müssen. Dazu gab es einige Stunden Schuss-Pause und wir mussten unsere Häuser verlassen. Meine Eltern packten eilig und voller Angst alle Kinder und die notwendigen Sachen. Dann mussten wir zu Fuß einige Kilometer gehen, denn viele Straßen waren gesperrt und Zivile durften keine Autos benutzen. Auf dem Weg haben wir Schreckliches erleben müssen. Wir alle haben mit eigenen Augen Leichen, angeschossene Menschen, Beine, Arme, Köpfe,…gesehen. Unsere Eltern haben versucht, uns abzulenken oder uns die Augen zugehalten. Ich habe eine schreckliche Angst gehabt.

Als wir nach einigen Kilometern (mit einem Bus) eine Verwandte im Stadtteil Makroyan erreicht hatten, habe ich in der Nacht starkes Fieber bekommen. Am nächsten Tag konnte ich nicht sprechen. Ich war erstarrt und sprachlos. Es hat einige Tage gedauert, bis ich angefangen habe zu sprechen. Allerdings stotterte ich von nun an. Wir haben die Zeit überlebt, mal in dem einen Stadtteil, mal in einem anderen.

Nach den Mudschahedin kamen 1995 die Taliban an die Macht. Von da an war es ruhig. Aber alle Schulen für Mädchen wurden geschlossen. Mädchen und Frauen durften nicht ohne Burka und entsprechende Bekleidung rausgehen. Inzwischen war ich 10 Jahre alt und eigentlich in der 4. Klasse. Als der Taliban herrschte, ging mein Bruder zu Schule und ich habe gewartet bis er kommt und er mir zeigt, was er gelernt hat. Meine Eltern haben mich auch unterstützt und den Unterrichtsstoff mit mir gelernt. Aber mir ging es nicht gut dabei. Damals konnte ich es mir nicht erklären, heute weiß ich warum es mir so schwerfiel. Meine Eltern haben mich heimlich in einem privaten Kurs angemeldet. Dort konnte ich die Schule weitermachen. Es waren ehemalige Lehrerinnen, die in ihren eigenen Häusern Kurse angeboten haben. Es war sehr gefährlich. Die Taliban durften es unter keinen Umständen erfahren. Viele haben sich trotzdem getraut solche Angebote zu machen. Aber es war nicht wie in einer normalen Schule.

Eines Tages wurde ich mit meinem Bruder von Taliban kontrolliert. Ich sollte mit zehn Jahren eine Burka tragen. Mein Bruder wurde vor meinen Augen blutig geschlagen. Ich habe große Ängste und Schuldgefühle bekommen. Das war mein letzter Tag. Ich habe danach nie wieder das Haus verlassen.

Als die Taliban von den Amerikanern niedergeschlagen waren, kam ein neues Regime an die Macht (Karzei). Es gab wieder Freiheit und Möglichkeiten für Mädchen und Frauen. Ich habe zuhause soweit mit meinen Eltern gelernt, dass ich nun direkt in die 7. Klasse gehen konnte. Es war nie wieder wie früher. Ich habe immer noch gestottert. Die Lehrerinnen und die Klassenkameraden haben mich nicht verstanden. Es wurde gesagt, ich sei faul und deswegen gebe ich es nur vor, dass ich nicht reden kann. Ich war mit meinen Problemen allein. Schriftlich ging es noch, aber es war wichtig mündlich fit zu sein. Es gab in Kabul kreative Kurse für Mädchen. Meine Mutter hat mich für einen Mal-Kurs angemeldet . Als ich mich dort einige Wochen intensiv beschäftigt hatte, habe ich gemerkt, dass sich bei mir etwas auflösen möchte. Jeden Tag konnte ich besser und schöner malen. Ich war sehr motiviert weiterzumachen. Der Kursleiter war sehr beeindruckt von meinen Bildern. Eines Tages kam der Kursleiter zu mir und sagte, wir sind vom Fernsehen eingeladen worden. Er fragte, ob ich mit einigen Bildern bei diesem Fernsehauftritt mitmachen möchte. Ich habe vor Freude geschrien und zugesagt. Der Kurs und der Auftritt waren ein wichtiger Durchbruch für mich. In der Schule wurde ich von nun an besser. Ich war im Fernsehen und meine Lehrerinnen und Schulkameraden haben die Sendung gesehen. Am nächsten Tag erhielt ich große Anerkennung und Lob wurde mir ausgesprochen. Eine Lehrerin, die mich nicht verstanden hat, hat mir gesagt, ich solle bei weiteren Auftritten doch auch die Schule erwähnen. Das hat mich verletzt, weil die Lehrerin nur an sich gedacht hat.

Nach der Schulzeit habe ich ein kreatives Berufsfeld studiert und in Richtung Dokumentarfilm gearbeitet. Es gab ein Weiterbildungsangebot für kreative Fachleute der Filmbranche in Frankreich. Ich wurde aus 229 Bewerbungen ausgewählt und durfte nach Paris, um dort einen Dokumentarfilm zu machen. Es war für mich der Anfang meiner Karriere. Von Frankreich bin ich zurück nach Kabul gegangen. Ich habe geheiratet und wurde Mutter.

Zunehmend kam es in Kabul zu Selbstmord-Attentaten. Wir waren oft bedroht von Taliban. Trotz verschiedener Ortswechsel und anderen Maßnahmen wurden wir weiter bedroht. Dokumentarfilme machen war für die Taliban eine Bedrohung. Es wurde sehr gefährlich, wir mussten die Heimat verlassen.

Ich bin nun seit 8 Jahren ein Flüchtling. Erst haben wir versucht in Frankreich zu bleiben. Dann haben wir uns entschieden zu unserer Verwandtschaft nach Deutschland zu ziehen. Ich habe meine Heimat, einen Großteil meiner Familie, meinen Beruf, meine Freundin, meine Zukunft, meine Wünsche für mich und mein Land verlassen müssen. Das tut weeeeehhhh. Ich habe all meinen Selbstwert verloren. Ich habe mehrere psychosomatische Beschwerden. (Vor 6 Jahren habe ich mein zweites Kind bekommen.)

Mein Weg zu und meine Erfahrungen mit Frauenwelten und Frau Roohani:

Ich habe Frauenwelten im Jahr 2017 kennengelernt . Ich habe das Gefühl gehabt, hier kann ich über meine Probleme und Sonstiges sprechen. Es war eine große Erleichterung für mich und viele andere afghanische Frauen. Hier konnte ich mich gleich mit mehreren Frauen in der gleichen Sprache über gleiche Erlebnisse austauschen. Nach mehreren Gesprächen mit Frau Roohani, habe ich mein Bedürfnis, dass

ich eine Beschäftigung benötige, geäußert. Sie hat mir das Assistieren bei dem Projekt „Ausdrucksmalen“ vorgeschlagen. So habe ich 2018 und 2019 einmal wöchentlich in dem Projekt assistiert. Ich habe selbst wieder angefangen zu malen. Ich habe etwas Verlorenes wiedergefunden. Gleichzeitig habe ich zu allen anderen Gelegenheiten fotografiert. Ich wurde festes Mitglied des Vereins. Es gab immer wieder Angebote wie Autogenes Training, Yoga, Meditation, Ausflüge, interkulturelle Veranstaltung,… ich war an vielen Projekten und Angeboten beteiligt. Ich habe einiges an Selbstwert wieder erlangen können.

Trotz allem habe ich die Erlebnisse nicht gründlich verarbeiten können. Der Stress hier in einer bestimmten Zeit die Sprache zu lernen, gleichzeitig Kinder, Familie und den Integrationsprozess zu bewältigen, war für mich sehr schwer. Trotz einiger Erfahrung und Erleichterung

fühlte ich mich nicht in meiner Kraft. Im Dezember 2021 gab es einen Informationsabend zu dem Projekt „Heldenreise“. Ich habe mich direkt für das Projekt angemeldet und von Dezember 2021 bis Juli 2022 teilgenommen. In dem angestoßenen Prozess konnte ich mich öffnen und zum ersten Mal meine Geschichte erzählen. Die Geschichte, die Sie gerade lesen. Das bedeutet nicht, dass ich geheilt bin. Ich befinde mich immer noch in einem Prozess. Aber ich glaube wieder daran, mich selbst entdecken zu können.

Mir ist bewusst, dass ich durch meine Traumata und die Flucht nicht mehr der Mensch bin, der ich in den guten Zeiten meines Lebens war. Mir ist auch bewusst, dass ich durch langjährige Therapien wieder vollkommen geheilt werden kann. Ich möchte durch meine Kreativität wieder zu meiner Energie, meinem Potential finden und ein Vorbild werden, für viele andere Geflüchtete und traumatisierte Frauen. Ich möchte solche Projekte unterstützen, die in der Lage sind Menschen zu befähigen, ihr wahres Potential leben zu können.

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