Fatma – Vom Keller ins Paradies

Fatma wuchs in Kabul in Zeiten von Krieg und Unsicherheit auf. Nach der Flucht fand sie mit ihrer Familie in Deutschland eine neue Heimat – und neue Hoffnung.

“Njouuuuu … rattattattattattatta … njouuuuuuuu …” Afghanistan. 1977. Eine Grundschule in Kabul. Die Erstklässlerin Fatma schaut zur Decke ihres Klassenzimmers, so als könne sie dort eine Erklärung für diese unbekannten Geräusche finden. Alle Kinder sind unruhig und blicken den Lehrer fragend an, der wie erstarrt zu sein scheint. Dann öffnet er seinen Mund und ruft: “Gefahr! Versteckt euch!” Gleich darauf springt er auf, öffnet die Tür zum Pausenhof und läuft davon.

Fatma, das bin ich. Heute lebe ich mit meiner Familie in Wiesbaden und besuche regelmäßig die Angebote von frauenwelten e.V.

Es geht mir gut an diesem friedlichen Ort.

An jenem Tag in der Schule habe ich zum ersten Mal erfahren, was das Wort “Gefahr” bedeutet. Wie die anderen Kinder rannte ich über den Schulhof auf die Straße. Von oben hörte ich weiter diese furchtbaren Geräusche der Bomben und Raketen. Und die lauten Stimmen von Männern in einer fremden Sprachen dröhnten um mich herum. Ich hatte nur ein Wort im Kopf: Mama! Und Mama hatte mir immer gesagt, dass ich nur über die Hauptstraße zur Schule und nach Hause gehen darf. Also lief ich Richtung Hauptstraße.

Plötzlich hörte ich eine Männerstimme, die meinen Namen rief. Aber wer konnte das sein? Mein Vater war nicht in der Stadt. “Fatma, bleib stehen!”, rief er immer wieder. Dann packte mich eine große Hand an der Schulter und brachte mich zum Stehen. Ich drehte mich um und sah hoch in das Gesicht eines Onkels. “Komm mit, Fatma”, sagte er, “Ich bringe dich nach Hause.” Ich schüttelte verängstigt den Kopf. “Komm schon, deine Mutter hat mich geschickt.” Ich blickte ihn an und merkte, wie er mich in eine andere Richtung ziehen wollte, weg von der Hauptstraße. Darum schrie ich ihn an: “Nein! Ich laufe alleine nach Hause!” Der Onkel schien verzweifelt, er sprach mit einem anderen jungen Mann, der dann wegrannte. “Okay, Fatma, deine Mutter kommt hierher. Geh nicht weiter”, meinte er eindringlich zu mir. Und tatsächlich kam meine Mutter. Sie nahm meine Hand und zog mich mit sich, immer dem Onkel hinterher, durch unbekannte Straßen, über sehr kleine Wege, die ich noch nie betreten hatte, bis wir zuhause waren. Auf der Hauptstraße wäre ich vermutlich unweigerlich in ein Raketenfeuer geraten.

Elf Jahre später. Mein Vater war längst wieder bei uns. In all diesen Jahren hatte niemals wieder jemand das Wort “Gefahr” gerufen, wie der Lehrer damals. Trotzdem war stets um uns herum Gefahr zu spüren. Immer wieder wurden Menschen von den Taliban getötet, meist in ihren eigenen Häusern und im Angesicht ihrer Familien. Mal mit einem Pistolenschuss, mal wurden sie mit einem Messer geköpft. Einfach abgeschlachtet, wie Vieh. Der Regierung konnte man auch nicht recht trauen. Nicht selten hörte man von jungen Männern, die einfach verschwanden. Vor wem sie sich versteckten oder von wem sie “weggeschafft” wurden, bleibt in vielen Fällen ein Rätsel. Mein Vater arbeitete beim Militär. Er wusste, was dort vor sich ging, und er erfuhr manchmal auch von geplanten Morden. Einigen Menschen konnte er so das Leben retten. Vielleicht haben seine guten Taten später ihm und seiner Familie das Leben gerettet…

Eines Tages sammelte meine Mutter Geld zusammen. “Für Glühbirnen für den Keller”, sagte sie. “Wozu brauchen wir im Keller Glühbirnen?”, wunderte ich mich. Meine Mutter atmete schwer und versuchte mir zu erklären, dass es im Keller sicherer sein wird für uns. Ich erfuhr kurze Zeit später, worauf sie uns vorbereitet hatte.

In den Jahren 1988 und 1989 verbrachten wir fast jede einzelne Nacht im Keller. Und das war kein schöner ausgebauter Aufenthaltsraum. Es war eher eine Höhle, in der Erwachsene nicht aufrecht stehen können. Der Boden war nass, das Wasser stand uns meist bis zu den Knöcheln. Und dunkel war es auch bald wieder, denn die Glühbirnen wurden nach kürzester Zeit von Dieben geklaut. Dort hockten wir, also meine Familie, und zwei Nachbarsfamilien, die auf unserem Grundstück zur Miete wohnten, Nacht um Nacht, wenn wieder Bomben auf die Stadt fielen.

Im August 1989 schmiedeten wir den Fluchtplan. Niemand wurde eingeweiht, außer meiner Mutter, meiner Tante, meinem Vater, einem Helfer, der ein Freund meines Vaters war, und mir. Zu diesem Zeitpunkt war ich 18 Jahre alt und meine Geschwister waren noch klein.

Mein Vater fuhr auf “Besuch” nach Russland. Auch wenn es ständig Stromausfälle in Kabul gab, so funktionierten die Telefonleitungen wenigstens stabil. So konnten wir Kontakt zu unserem “Helfer” halten. Ohne ihn hätten wir nicht gewusst, was wir tun sollen. Er sagte meiner Mutter, für welchen Tag unser Flug gebucht war und wir hielten uns bereit. Wir, das waren meine Mutter und ich, die kleinen Geschwister wussten ja nichts. Und meine Schwiegereltern kamen mit uns. Ihr Sohn, mein Verlobter, lebte zu der Zeit in Deutschland. Die Schwiegereltern wollten ihre Heimat nicht verlassen, doch wir redeten ihnen zu, mit uns zu kommen. Hier in Kabul war uns allen nur eines sicher: der Tod.

Der Tag war gekommen. Um 14 Uhr sollten wir am Flughafen sein. Um 11 Uhr klingelte das Telefon. Mein kleiner Bruder ging dran.

“Ja, mein Papa, ist weg.”

“Nein, er kommt wieder! Heute!”

“Morgen holen wir ihn um 14 Uhr vom Flughafen ab, hat Mama gesagt” “ja, gut.”

Dann rief mein Bruder nach mir, weil Mama noch Besorgungen machte und gerade nicht im Haus war. Ich nahm zitternd den Telefonhörer und riss mich zusammen. Meine Stimme war ganz klar, ich durfte jetzt bloß nicht auffallen. Der Mann am anderen Ende stellte sich als Mitarbeiter meines Vaters vor. Er fragte mich, ob es stimmt, dass Papa heute am Flughafen ankommt und ich sagte ja, wir würden ihn gleich abholen. “Bleiben Sie nur zuhause”, sagte der Mann. “Wir kümmern uns. Wir holen ihn ab, keine Sorge.”

“Okay, danke”, antwortete ich und hängte auf. Als meine Mutter zurück war, riefen wir sofort unseren Helfer an. Er beruhigte uns ein wenig. Wir fuhren los und passierten tatsächlich pünktlich die Flughafenkontrollen – alle zusammen. Jetzt konnten wir es kaum erwarten, endlich in die Luft zu steigen. Die Stadt der Angst unter und hinter uns zu lassen.

In Russland nahmen wir einen Transitflug in die damalige Tschechoslowakei. Wir hatten alle Touristenvisa. In Prag gelandet, ließ man uns dennoch nicht passieren. Wir mussten Geld zahlen, jede Person eine nicht geringe Summe, um den Flughafen zu verlassen. Wir gaben den Beamten fast komplett unser letztes Geld. Aus der nächsten Telefonzelle riefen wir meinen Onkel in Deutschland an. “Wir sind in Prag. Am Flughafen.” Fahrt zum Hauptbahnhof”, sagte er. Es war Anfang Dezember und sehr kalt. Am Prager Hauptbahnhof breiteten wir eine Decke aus und setzten uns auf den Boden. Menschen gingen langsamer, wenn sie uns sahen und schauten uns neugierig an. Einige Touristen holten sogar ihre Kameras raus und fotografierten uns. Plötzlich rief mein kleiner Bruder mir zu: “Ich habe Papa gesehen!” Und er zeigte in eine Richtung. Ich schüttelte den Kopf. “Das kann nicht sein.” Keiner von uns glaubte ihm. Doch dann stand er wirklich vor uns! Wir fielen ihm alle nacheinander in die Arme, lachten und weinten gleichzeitig. Es war wie ein Fest der Freude, das unsere Herzen aufflammen ließ, in dieser unbekannten Welt, am eiskalten Prager Bahnhof.

Später erfuhren wir, dass mein Vater kurz nachdem wir mit dem Onkel telefoniert hatten auch bei ihm anrief, denn er war aus Russland unterwegs in die Tschechoslowakei. So wusste er, dass wir am Bahnhof sind, und da waren wir ja auch nicht zu übersehen.

Mein Onkel hatte drei Autos organisiert, mit denen wir Stunden später abgeholt wurden. Wir rollten immer näher an die Landesgrenze und die Angst wuchs, denn mein Vater hatte kein Touristenvisum wie wir. Was, wenn sie uns zurück schickten? Das wäre ein Direktflug in die Hölle. Doch wir hatten Glück. In dem Moment als unsere Papiere von den tschechoslowakischen Zollbeamten kontrolliert wurden, wurde neben uns in einem Transporter eine Ladung Kokain entdeckt. Da winkte man uns durch, es gab Wichtigeres zu tun.

Die deutsche Grenzpolizei brachte uns in ein Asylantenheim in Bayern. Als ich den Blick in die bergige weiße Schneelandschaft vor unserem Heim wahrnahm, da wusste ich, wir sind angekommen. Bomben und Geschrei und Chaos lagen weit hinter uns. Ich werde nie vergessen, wie meine Mutter unsere Tante anrief. “Wir sind angekommen!”, rief sie aus. “Wo?”, fragte die Tante nach. “Im Paradies”, meinte Mama. Und die Tante bemerkte: “Was, so schnell?” “Ja”, sagte Mama weinend vor Glück, “direkt vom Keller ins Paradies.”

Zehn Jahre später. Ich lebte mit meinem Mann und meinen zwei Söhnen in Wiesbaden und wir waren glücklich. Wir hatten Verwandtschaft in der Nähe und verbrachten eine fröhliche Zeit. Das Leben in Deutschland war wirklich schön für mich. Doch dann überkam mich eine Traurigkeit, die ich nicht verstand. Ich konnte meinen Körper nicht mehr kontrollieren und zitterte in allen Gliedern. Es hörte nicht auf, sondern wurde von Tag zu Tag schlimmer. Manchmal bekam ich einen Anfall mitten auf der Straße und war nicht mehr fähig mich selbst zu bewegen. Mein ganzer Körper bebte und ich fühlte mich absolut ohnmächtig. Ich erlebte eine Jahrelange Tortur, in der Ärzte mir Medikamente verschrieben, die wenig wirkten, oder das Zittern sogar noch verstärkten. Dann kam die Diagnose: Parkinson.

Nach über zehn Jahren der Ungewissheit und schwerer Krankheit vermittelte meine Hausärztin, Dr. Claudia Müller-Said-Sadah, mich in eine Klinik, in der ihre Mutter arbeitete. Diese holte Professor B. aus der Klinik zu Rate. Er untersuchte mich und griff noch während der Untersuchung zum Telefon. Er schickte mich in die Uniklinik Düsseldorf, wo ich intensiv behandelt wurde. Endlich besserte sich mein Zustand.

Heute bin ich mir sicher, dass ich diese Krankheit aus der Hölle in Afghanistan, in der ich in ständiger Angst lebte, mitgebracht hatte. Nach einer Woche in Düsseldorf war ich wieder zurück ins Paradies gekommen. Was man für mich getan hat, das ist mit Geld nicht zu bezahlen. Die Dankbarkeit spricht mir jeden Tag aus dem Herzen. Ich hoffe, dass ich, wenn ich eines Tages sterbe, zum dritten Mal ins Paradies gelangen werde.

Fatma Said-Sadah

 

Aufgeschrieben im April 2022 von Kristine Tauch

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