Zahra musste als Jugendliche ihre Heimat Afghanistan verlassen und kam 2016 mit ihrer Familie nach Deutschland. Heute geht sie ihren eigenen Weg und hat gelernt, für sich selbst einzustehen.
Mein Name ist Zahra. Im Afghanischen bedeutet dieser Vorname “Sonnenaufgang”. Das passt sehr gut, denn ich war schon als Kind eine Frühaufsteherin. Wie gerne ich mich an meine Kindheit erinnere…
Meistens war ich die erste, die in der Früh die Tür unseres Steinhauses öffnete und den Duft der Wiesen und Felder ins Haus ließ. Die Vögel sangen bereits fröhlich ihre Lieder. Ich lief zum Stall, um die Hühner und Gänse zu füttern und mit meinen gefiederten Freunden ein paar Worte, Geschnatter und Gegacker zu wechseln. In diesem Haus, in dem kleinen Dorf in der Nähe von Kunduz in Afghanistan, lebte ich mit meiner Familie. Das war die glücklichste Zeit in meinem Leben.
Bis mein Papa starb. Da war ich zehn Jahre alt. Ich wusste nicht warum, und ich konnte nicht verstehen, wie es überhaupt möglich sein sollte, ohne Vater zu leben. Doch die Zeit ging ohne ihn einfach weiter.
Ich war elf Jahre alt und trug am liebsten die Hosen meiner jüngeren Brüder, um darin über die Wiesen zu rennen wie der Wind. Hätte mein langes schwarzes Haar mich nicht verraten, vielleicht wäre ich als Junge durchgegangen.
Mit etwa dreizehn Jahren fiel mir immer mehr auf, dass Jungen mehr durften und überhaupt freier waren. Ich trug weiter die Hosen meiner Brüder. Eines Tages sagte meine Mutter, ich solle mich wie ein gutes Mädchen anziehen. Wir bekamen Besuch. Da war ein älterer Mann mit einer älteren Frau und deren Sohn, ein junger Mann, der die ganze Zeit auf den Boden starrte. Die Eltern redeten mit meiner Mutter. Und irgendwann schauten sie mich an, alle drei, besonders die beiden Männer. Der alte Mann hatte warme Augen. Ich lächelte sie an. In dem Moment war mir nicht klar, dass dieses Lächeln mein Einverständnis in eine Verlobung war. Und was genau das bedeutete, erfuhr ich wenige Jahre später.
Mit sechzehn Jahren musste ich heiraten. Ich konnte nicht verstehen, dass meine Mutter mich weggeschickt hat. Aber ich wollte trotzdem ein gutes Mädchen sein und mein bestes tun. Ich zog also in das Haus des Mannes mit den warmen Augen, dessen Sohn jetzt mein Ehemann war. Die Männer in der Familie waren alle Freiheitskämpfer und das war zu der Zeit in Afghanistan extrem gefährlich. Die Taliban kamen näher, umzingelten das Dorf, und Freiheitskämpfer waren natürlich die ersten auf ihrer Liste, die beseitigt werden mussten.
Mein Mann wurde oft wütend und ich wusste nicht warum. Er stritt sich auch mit Dorfbewohnern und einmal kam er mit einer blutenden Armverletzung nach Hause. Manchmal, wenn er mir gegenüber grob wurde, hat sein Vater ihn davon abgehalten mich zu verletzen. Ich war schwanger und ging zur Schule. Da ich zuvor nur wenig Gelegenheit hatte, eine Schule zu besuchen, ließ ich es mir nicht nehmen jeden Tag hinzugehen. Obwohl meine Mitschüler mich oft angeschrien haben: “Dein Mann ist schlecht! Du musst auch schlecht sein, wenn du zu ihm gehörst!”
Mit siebzehn Jahren hatte ich meinen ersten Sohn geboren. Und die Familie meines Mannes wurde von den Taliban bedroht. Nachts konnte ich oft nicht schlafen. Ich hörte immer nach der Tür. Was, wenn sie jemand öffnet und herein kommt und uns allen etwas antut?
Die Situation und die Angst wurden schlimmer. Wir entschieden uns, die Heimat zu verlassen. Mein Mann, mein Sohn, ich, und ein zweites Kind im Bauch. Das war im Frühling des Jahres 2016. Wir reisten durch den Iran und Griechenland, bis wir nach einem Monat in Deutschland ankamen. Ich werde das Datum nie vergessen, der 14.04.2016. An diesem Tag fielen Ängste und Sorgen von mir ab wie ein Schleier aus einer alten Zeit. Ich konnte mich zum ersten Mal seit langem entspannen.
Das Deutsch lernen fiel mir schwer. In Afghanistan konnte ich nur wenige Jahre die Schule besuchen, so war mein Bildungsstand nicht vergleichbar mit vielen anderen Menschen, die hier sind. Manchmal beneidete ich meine eigenen Kinder. Wie schnell sie diese Sprache lernen! Könnte ich doch auch noch einmal sieben Jahre alt sein und eingeschult werden… Aber Jammern hilft nicht. Also lerne ich, wenn immer es möglich ist. Jetzt spreche und verstehe ich schon ganz gut. Aber das Schreiben fällt mir immer noch wahnsinnig schwer.
Da gab es noch etwas, das mich sehr verwirrte. In Deutschland heißt “ein gutes Mädchen” oder “eine gute Frau” zu sein nicht, dass man das tut, was andere von einem wünschen. Nicht einmal, wenn es der eigene Mann ist, oder der Vater oder die Mutter! Ich lernte also mühsam das “Nein sagen dürfen”.
So kam über die Jahre eins zum anderen. Mein Mann war immer noch unberechenbar in seiner Wut. Eines Tages ging er mit einem Messer auf mich los. Emotional pendelte ich zwischen zwei Welten, die mir ganz Gegensätzliches zuflüsterten:
Die Familie gehört zusammen!
Oder: Du bist wichtig! Und dein Glück!
Eine Frau hat ihrem Mann zu gehorchen.
Oder: Frau und Mann sind gleichberechtigt!
Ich habe lange gebraucht, und als Mutter von mittlerweile drei Kindern ist es nicht einfach, aber ich habe es geschafft: Ich habe mich von meinem Mann getrennt. Und jetzt gibt es etwas, das ich damals, als Kind, nicht verstehen konnte: Es ist möglich ohne Papa aufzuwachsen. Und manchmal ist es notwendig.
Dies ist meine neue Welt. Sie bringt mir die Sonne zurück. Ich treibe Sport, ich kümmere mich um meine Gesundheit, gehe mit den Kindern in die Natur, plane einen Urlaub… ich bin frei! Denn ich habe gelernt, dass ich Nein sagen kann.
Nun schaue ich diesen kleinen Keramik-Engel an, der in meiner Hand liegt. Er sieht aus wie ein fröhliches Mädchen, das einen Stern in seinen Händen hält. Vielleicht hat das Mädchen sein Ziel erreicht. Vielleicht hat sie ihren Stern bekommen. Mein Stern wartet auch auf mich, ich bin mir sicher, bald werde ich ihn zwischen meinen Händen halten.
Aufgeschrieben im April 2022 von Kristine Tauch
